Die Kunst zwischen System und Inspiration
- leonieleodolter
- 26. März
- 7 Min. Lesezeit

Struktur und Kreativität passen für viele Menschen nicht zusammen. Sie werden oft sogar als klare Gegenpole gesehen. Entweder man arbeitet organisiert und effizient, oder spontan und frei.
Was aber, wenn Struktur und Kreativität sich nicht ausschließen müssen, sondern sogar zusammenarbeiten können? Was, wenn ich dir sage, dass die effizienteste Art zu arbeiten sogar eine Mischung aus beidem ist?
Zwischen klaren Systemen und dem Kopf der gerade nicht mitmacht.
Manche sagen jetzt vielleicht: „So ein Blödsinn.“, manche sagen: „Ist doch eh klar!“ Und wieder andere klicken vielleicht einfach weg. Aber bevor du das tust: Ich möchte in den folgenden Zeilen in Erinnerung rufen, wie bunt unsere Welt ist. Wie weit entfernt wir von „nur schwarz oder weiß“ sind, und wie man es schaffen kann, strukturiert zu arbeiten, aber seine Kreativität dabei nicht zu verlieren. Wieder mal hilft mir dabei auch meine Erfahrung als Pädagogin. Pädagogen tun nämlich den ganzen Tag nichts anderes: Vorausplanen, um danach den Plan spontan so anzupassen, dass er die heutige Stimmung und Interessen der Kinder trifft. Eine Kunst für sich.
Was ist Struktur. Was ist Kreativität.
Fangen wir ganz trocken an mit Definitionen:
• Struktur, die: kommt aus dem Lateinischen „structura“ = Zusammenfassung, Ordnung; bedeutet so viel wie „gegliederter Aufbau, innere Gliederung“.
• Kreativität, die: kommt aus dem lateinischen „creare“ = schaffen, erzeugen; bedeutet so viel wie „schöpferische Kraft, kreatives Vermögen“.
… Ja, hört sich auch laut Definition nach dem kompletten Gegenteil an. Und wir kennen, glaube ich, auch alle Menschen, die eher kreativer sind, und Menschen, die eher strukturierter sind … Hätten wir das also auch geklärt.
Beides ist wichtig – aber, wie es als Mensch eben so ist, hat jeder von uns beide Seiten in sich. Ich habe noch nie mit einem Kind gearbeitet, das NICHT kreativ war, und noch nie ein Kind erlebt, dem gewisse Strukturen KEINE Sicherheit gegeben haben. Eben nicht schwarz und nicht weiß – sondern irgendwas dazwischen. Es kommt eher darauf an, welche Seite im Laufe unserer Entwicklung mehr gefördert und gefordert wird. So entwickeln sich dann unsere Interessen und im weiteren Verlauf auch unsere berufliche Orientierung.
Wir haben also die einen Menschen, die ihre Wochen komplett durchtakten. Fokustage, feste Zeitblöcke, klare To-do-Listen. Strukturen, Tools und Leitfäden.
Und wir haben jene Menschen, die einfach in den Tag hineinleben. Ohne Plan, ohne Listen – wie es gerade passt, was sich gerade gut anfühlt und was gerade kreativ machbar ist.
In welche Kategorie würdest Du Dich einordnen?
Ich würde mich selbst in keine der beiden Kategorien einordnen, du wahrscheinlich auch nicht zu 100 %. Ja, ich liebe Strukturen, Tools und To-do-Listen. Ich respektiere aber auch, dass es absolut keinen Sinn macht, heute etwas durchzuziehen, für das mein Kopf gerade nicht bereit ist. Das auch akzeptieren zu können, hat aber gedauert.
Als Pädagogin war das mein Alltag, ich bin Stunden gesessen und habe Angebote vorbereitet, nur um am Ende alles über den Haufen zu werfen und meinem Gefühl zu folgen. Das gehört dazu – so ist die Arbeit mit Kindern eben. Das auch für mich selbst zu berücksichtigen, war aber schwierig. In der Social Media Welt wird einem eingetrichtert: „Zieh durch, auch wenn du heute keine Lust hast!“, „Erfolgreiche Menschen lassen sich nicht von Gefühlen leiten!“, „Was gemacht werden muss, muss gemacht werden!“. – also hab ich durchgezogen ... oder es zumindest versucht.
Das Ergebnis war pure Erschöpfung, gepaart mit null Resultaten … und dem nächsten LinkedIn Guru im Hinterkopf: Versager! Du strengst dich nicht genug an! … Danke.
Gott sei Dank habe ich meine pädagogische Ausbildung – wo „Selbstreflexion“ kein leerer Begriff, sondern gelebte Praxis war. Nach Jahren der Ausbildung, in der mir Selbstreflexion fast schon „eingeprügelt“ wurde – kann ich gar nicht mehr anders, als meine Handlungen und Tage zu reflektieren. So habe ich relativ schnell gemerkt – Nein, ich bin kein Versager, ich streng mich nicht zu wenig an –
ich streng mich einfach falsch an.
Struktur als Rahmen, nicht als Zwang
Wie schon gesagt. Ich liebe Strukturen. Ich denke und plane Situationen gerne vorher durch. Weil ich einfach gerne einen Plan habe. Ich weiß nämlich, dass es mich emotional viel zu sehr aufwühlen würde, ungeplant in eine Situation zu gehen – schlaflose Nächte und Gedankenkarussells kann ich abstellen, indem ich vorher plane. Das führt uns zum Thema Sicherheit. Auch wenn ich einen Plan dann komplett über den Haufen werfe, war er nicht unnötig, er hat mir Sicherheit gegeben, und Sicherheit ist sehr viel wert.
So geht es mir auch an jedem neuen Arbeitstag – wenn ich den Laptop öffne und weiß, was heute ansteht, welche Tasks erledigt werden müssen und ich sofort drauflosarbeiten kann – dann geht’s mir gut, das gibt mir Sicherheit. Ich muss mich nicht erst orientieren, nicht suchen, nicht groß drüber nachdenken. Struktur ist also eine solide Basis dafür, konzentriert und effektiv arbeiten zu können.
Aber die beste Struktur allein reicht eben nicht.
Es kommen nämlich dann die Tage, an denen man trotz Struktur vor dem heutigen To-do sitzt und einfach nicht weiterkommt. Nicht, weil man faul ist oder nicht diszipliniert genug. Sondern, weil Kopf und Körper heute einfach NEIN sagen.
Das Beste, das man in dieser Situation machen kann, ist: zuhören. Höre auf deinen Kopf, spüre in deinen Körper – was will er dir sagen. Vielleicht: „Heute ist ein so toller, sonniger Tag – ich will heute keine Excel-Tabellen bearbeiten, ich bin heute bereit für ein paar großartige, inspirierende Texte!“ Und ich verspreche dir, das werden die besten Texte, die du je geschrieben hast!
Was wäre auch die Alternative? Stundenlanges Brüten vor Tabellen mit Zahlen, auf die man sich einfach nicht konzentrieren kann, ist super ineffizient, löst Kopfschmerzen aus und zieht Energie.
Dein System sollte also nicht zu starr sein, es sollte dir einen Rahmen bieten, in dem du To-dos festhalten kannst, Ideen sammeln kannst, klar kommunizieren kannst, Ruhe und Konzentration findest, aber flexibel genug sein, dass du es anpassen, Blöcke tauschen oder verschieben kannst.
Hört sich ein bisschen romantisch an, oder? Ich weiß, solange man vorwiegend allein arbeitet, kann man sich ja auch alles gut einteilen und mal verschieben. Sobald man Kundentermine oder ein Team hat und Deadlines dazukommen, sieht die Sache natürlich schon wieder ganz anders aus. Da kann man dann nicht einfach sagen: „Hallo, ich sage das Meeting heute ab, die Sonne scheint so schön, ich schreibe lieber an meinen Texten weiter.“ Auch wenn das eine romantische Vorstellung wäre, so spielt das Leben, einfach nicht, und die Arbeitswelt schon gar nicht ... .
Ich glaube, aber, ich muss es einfach ein bisschen romantisch formulieren, um in dir das Bedürfnis zu wecken, es auszuprobieren.
Aber jetzt wieder ernsthaft, was ich sagen will: Hör auf deinen Körper. Lern zu verstehen, welche Energie, welches Konzentrationslevel, welches Maß an Kreativität für welche Aufgabe erforderlich ist, und versuche, deinen Arbeitstag daran anzupassen. Setze Strukturen und Zeitpläne auf, die dir von vornherein diese Freiheit gewähren. Übernimm Verantwortung, schon bevor alles eskaliert und du vor lauter Terminen und offenen Tasks kein Land mehr siehst.
Nein, es wird nicht immer klappen, und nein, es wird auch nicht immer passend sein. So ist das Leben eben auch. Und manchmal hilft auch nichts anderes mehr, als „einfach durchziehen“, aber das muss kein Dauerzustand sein!
Der Unterschied zwischen Vermeidung und Intuition
Bevor ich zum Ende komme, möchte ich noch einen wichtigen Punkt ansprechen: Nicht jeder Widerstand ist ein Signal, die Aufgabe zu wechseln! Manchmal ist es tatsächlich einfach Bequemlichkeit, weil man auf diese oder jene Aufgabe keine Lust hat. Der Unterschied liegt im Gefühl, das du hast, wenn du die Aufgabe weggeschoben hast. Fühlst du dich immer noch demotiviert und es geht immer noch nichts weiter, dann war es wahrscheinlich Vermeidung. Wenn du dich freier und produktiver fühlst, war es eine sinnvolle Entscheidung.
Um den Überblick zu behalten, welche Aufgaben weitergeschoben werden können und welche nicht, gibt es To-do-Listen und Workflowsysteme, die uns an Deadlines erinnern und Prioritäten für uns im Blick behalten.
Dann gibt es natürlich noch die Tage, an denen man einfach absolut keinen Bock auf irgendwas hat, aber Meetings und Kundentermine anstehen und morgen eine Deadline ist. Ja … da hilft dann wohl alles nichts – doch, wieder einfach durchziehen.
Fazit
Struktur ist notwendig, um gute Arbeit überhaupt möglich zu machen. Inspiration ist notwendig, um wirklich gute Ergebnisse zu erzielen. Wer nur nach Struktur arbeitet, wird effizient, aber selten kreativ. Wer nur inspiriert arbeitet, wird kreativ, aber selten konsistent. Die eigentliche Stärke liegt darin, beides zu verbinden. Eben nicht nur das eine oder das andere, also nicht nur schwarz oder weiß, sondern irgendwo dazwischen.
Baue klare Systeme, die dir Orientierung geben, und gleichzeitig genug Bewusstsein, um zu merken, wann du davon abweichen solltest und wie lange und wie oft du davon abweichen darfst. Baue Systeme, die dir Freiraum lassen, die wichtigen Dinge aber im Blick behalten. Und die Fähigkeit, zu erkennen, wann „einfach durchziehen“ doch die einzige Möglichkeit ist.
Du hängst bei deinen Aufgaben regelmäßig fest und kommst nicht weiter? Vielleicht hast du die richtige Arbeitsweise für dich einfach noch nicht gefunden. Das macht nichts, ich helfe dir gerne dabei.
Es führt dich Schritt für Schritt durch deinen jetzigen Arbeitsalltag, hin zu deiner persönlichen, funktionierenden Arbeitsweise! Viel Freude bei der Umsetzung!
Fragen zum Text:
Wie kann ich Struktur und Kreativität in meiner Arbeit kombinieren?
Indem du Struktur als Rahmen nutzt und nicht als starres System. Plane Aufgaben und Prioritäten vor, bleib aber flexibel genug, um je nach Energielevel und Fokus zwischen Aufgaben zu wechseln.
Warum ist Struktur wichtig für produktives Arbeiten?
Struktur gibt Orientierung und Sicherheit. Du weißt, was zu tun ist, vermeidest Chaos und kannst direkt in die Arbeit starten, ohne Zeit für Orientierung zu verlieren.
Wann sollte ich von meinem Plan abweichen?
Wenn du merkst, dass deine Konzentration oder Energie nicht zur Aufgabe passt. Ein sinnvoller Wechsel führt zu mehr Produktivität, nicht zu Stillstand.
Wie erkenne ich den Unterschied zwischen Intuition und Vermeidung?
Wenn du nach dem Aufgabenwechsel produktiver bist, war es Intuition. Wenn du weiterhin blockiert bist, war es wahrscheinlich Vermeidung.
Was passiert, wenn ich nur strukturiert arbeite?
Du wirst effizient, aber oft weniger kreativ. Ergebnisse sind konsistent, aber selten außergewöhnlich.
Was passiert, wenn ich nur nach Inspiration arbeite?
Du bist kreativ, aber unzuverlässig. Es fehlt an Konsistenz, Deadlines werden schwieriger einzuhalten.
Wie kann ich trotz Meetings und Deadlines flexibel bleiben?
Indem du deine Planung realistisch gestaltest und bewusst Freiräume einbaust. Fixe Termine bleiben bestehen, aber innerhalb deiner freien Zeit kannst du Aufgaben je nach Energielevel anpassen.



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