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Die Produktivitätsfalle: Warum mehr Produktivität oft am eigentlichen Problem vorbeigeht

  • leonieleodolter
  • 11. Juni
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 13. Juli



Die meisten optimieren Arbeit. Ich hinterfrage, warum sie überhaupt existiert.


Das klingt zunächst vielleicht komisch. Schließlich wird Produktivität heute fast überall als Lösung verkauft. Bücher, Podcasts und Coaches beschäftigen sich damit, wie wir mehr schaffen, effizienter arbeiten und unsere Zeit besser nutzen können. Die zugrunde liegende Annahme ist meist dieselbe: Wenn wir produktiver werden wollen, müssen wir lernen, mehr Arbeit in weniger Zeit zu erledigen.


Ich glaube: genau dort beginnt das Missverständnis!


Nicht, weil Produktivität unwichtig wäre. Im Gegenteil. Effizienz ist wichtig. Ich bin der Meinung Arbeit ist wertvoll und genau deshalb sollte sie nicht verschwendet werden. Die entscheidende Frage lautet für mich jedoch nicht: „Wie erledigen wir diese Arbeit schneller?“

Die entscheidende Frage lautet: „Warum machen wir sie überhaupt?“


Ich spreche nicht vom „Sinn“ hinter Arbeit wie „den Sinn des Lebens“ – keine Sorge, es wird hier nicht philosophisch. Ich meine damit: ist diese eine Tätigkeit wirklich notwendig? Vor allem in dieser Häufigkeit und Intensität?


Gerade Selbstständige und junge Unternehmen geraten irgendwann an einen Punkt, an dem sie das Gefühl haben, ständig beschäftigt zu sein, aber trotzdem nicht wirklich voranzukommen. Der Kalender ist voll, die To-do-Liste wächst und am Ende des Tages bleibt das Gefühl, den ganzen Tag gearbeitet zu haben, ohne die wirklich wichtigen Themen vorangebracht zu haben.

Der natürliche Reflex ist dann, nach Produktivitätstipps zu suchen. Man sucht nach den perfekten Tools - schaut auf Pinterest alle Pins durch mit der Headline "5 Tipps wie du produktiver wirst" und kauft im schlimmsten Fall noch irgendwelche Workbooks wo dann Tipps drinnen stehen wie "führe eine To-do-Liste".

Das Problem dabei: Häufig wird versucht, den Menschen effizienter zu machen, obwohl die eigentliche Ursache woanders liegt.


Das Problem ist selten mangelnde Produktivität


Am Anfang funktioniert vieles erstaunlich lange ohne Struktur. Als Einzel-Selbstständiger kennt man jeden Kunden, jedes Projekt und jede offene Aufgabe. Informationen liegen zwar nicht unbedingt geordnet vor, aber man weiß trotzdem, wo sie sind. Entscheidungen werden schnell getroffen, weil niemand eingebunden werden muss.


Mit dem Wachstum verändert sich das jedoch.


Jeder neue Kunde, jedes zusätzliche Projekt oder jedes weitere Teammitglied erhöht die Komplexität. Alles sammelt sich im Kopf an, Informationen müssen weitergegeben werden, Entscheidungen werden abgestimmt und Aufgaben irgendwie verteilt. Dinge, die früher selbstverständlich waren, müssen plötzlich erklärt werden. Rückfragen nehmen zu, Abstimmungen häufen sich und immer öfter wird der Gründer oder die Gründerin zur zentralen Anlaufstelle für alles.


Viele interpretieren diese Situation als Zeitproblem - Zeitmangel weil zu viele Aufgaben anfallen. Die Folge daraus ist oft, dass Mitarbeiter eingestellt werden die Entlastung bringen sollen. Meistens ist genau das aber gar nicht die Lösung sondern verstärkt das Problem nur zusätzlich. Denn, nicht die Menge der eigentlichen Arbeit wächst am stärksten, sondern die Menge der Reibung.



Warum viele Produktivitätsansätze am eigentlichen Problem vorbeigehen


Routinen, neuen Methoden oder Tools. Das Problem dabei ist nicht, dass diese Ansätze grundsätzlich falsch wären. Das Problem ist, dass sie häufig auf Symptome reagieren, während die eigentliche Ursache bestehen bleibt.


Moderne Produktivitätsansätze sind im Grunde meistens aber nicht mehr als klassische Symptombehandlung. Im Kern beruhen sie auf einigen wiederkehrenden Annahmen, die meiner Meinung nach nur an der Oberfläche kratzen. Hier ein paar der häufigsten Narrative bekannter Produktivitätscaoches und -programmen:


„Du musst dich besser organisieren“


Einer der häufigsten Ratschläge lautet, man müsse sich einfach besser organisieren. Die Ursache für Stress, Überforderung oder Chaos wird dabei fast immer beim Einzelnen gesucht.

Natürlich ist Selbstorganisation wichtig. Doch viele Selbstständige arbeiten nicht in einem chaotischen Kopf. Sie arbeiten in einem chaotischen Umfeld. Wenn Informationen verstreut sind, Verantwortlichkeiten unklar bleiben und Entscheidungen ständig neu abgestimmt werden müssen, hilft die beste To-do-Liste nur begrenzt.


Mein Gegennarrativ: Viele Menschen haben kein Organisationsproblem. Sie arbeiten in einem Umfeld, das unnötige Reibung erzeugt.


„Jeder hat dieselben 24 Stunden“


Dieses Narrativ kennt fast jeder. Die Botschaft dahinter lautet: Wer mehr erreicht, nutzt seine Zeit besser.

Dabei wird ein entscheidender Faktor ausgeblendet: Reibung. Zwei Unternehmer können dieselbe Anzahl an Arbeitsstunden haben. Wenn einer davon täglich Rückfragen beantwortet, Informationen sucht und Entscheidungen nachverfolgen muss, arbeitet er unter völlig anderen Bedingungen.

Das Problem ist dann nicht die verfügbare Zeit. Das Problem sind die Bedingungen, unter denen gearbeitet wird.


Mein Gegennarrativ: Die meisten Menschen haben kein Zeitproblem. Sie verlieren Zeit durch vermeidbare Reibung.


„Mehr Fokus löst das Problem“


Deep Work, Fokusblöcke und Pomodoro-Techniken sind hilfreiche Werkzeuge. Sie können dabei helfen, vorhandene Arbeit schneller und konzentrierter zu erledigen.

Was sie nicht lösen: die Ursachen unnötiger Arbeit.

Wenn dieselben Fragen jede Woche wieder auftauchen, fehlt meistens kein Fokus. Wenn Kunden ständig nach denselben Informationen fragen, fehlt nicht Konzentration. Und wenn Mitarbeiter für jede Kleinigkeit Rücksprache halten müssen, ist das selten ein Selbstständigkeitsproblem.


Mein Gegennarrativ: Fokus macht Arbeit effizienter. Struktur verhindert unnötige Arbeit.


„Produktivität bedeutet mehr Output“


Viele Produktivitätsansätze messen Erfolg daran, wie viel erledigt wird. Mehr Aufgaben, mehr Projekte, mehr Ergebnisse. Doch diese Sichtweise übersieht eine entscheidende Frage: Wie viel dieser Arbeit hätte überhaupt vermieden werden können? Doppelte Arbeit, Informationssuche, Abstimmungsschleifen und ständige Statusabfragen erzeugen Beschäftigung, schaffen aber oft wenig Wert.


Mein Gegennarrativ: Produktivität bedeutet nicht, mehr Arbeit zu schaffen. Produktivität bedeutet, weniger unnötige Arbeit zu erzeugen.


„Wenn du überlastet bist, musst du effizienter werden“


Überlastung wird häufig als persönliches Effizienzproblem betrachtet. Die Lösung lautet dann: bessere Planung, mehr Disziplin oder ein besseres Zeitmanagement.

Doch viele Menschen sind nicht überlastet, weil sie ineffizient arbeiten. Sie sind überlastet, weil ihr Umfeld permanent neue Arbeit erzeugt.

Jede Rückfrage kostet Zeit. Jede Unterbrechung kostet Energie. Jede offene Schleife bindet Aufmerksamkeit.


Mein Gegennarrativ: Überlastung ist oft kein Effizienzproblem. Sie ist die Folge fehlender Klarheit.


„Kommunikation löst Probleme“


In vielen Unternehmen wird auf jedes Problem mit mehr Kommunikation reagiert. Mehr Meetings, mehr Nachrichten, mehr Abstimmungen.

Das wirkt zunächst logisch – auch ich bin großer Fan von Kommunikation, aber RICHTIGER Kommunikation. Tatsächlich ersetzt Kommunikation jedoch häufig nur fehlende Struktur. Informationen werden nicht dokumentiert - also wird nachgefragt. Verantwortlichkeiten sind unklar - also wird abgestimmt. Entscheidungen werden nicht festgehalten - also erneut diskutiert.


Mein Gegennarrativ: Menschen ersetzen fehlende Struktur häufig durch mehr Kommunikation.


„Alles muss über dich laufen“


Besonders Gründer und Selbstständige kennen dieses Muster. Alles im Blick behalten, überall eingebunden sein und für alles erreichbar bleiben. Oft wird das als Stärke angesehen. In Wirklichkeit entsteht dadurch eine enorme Abhängigkeit von einer einzigen Person.

Sobald jede Entscheidung, jede Information und jede Freigabe über dieselbe Person laufen muss, entsteht kein System. Es entsteht ein Bottleneck.


Mein Gegennarrativ: Wenn alles über dich läuft, hast du keine Struktur aufgebaut. Du hast nur Belastbarkeit aufgebaut.



Die größte Effizienz entsteht vor der Arbeit


Ich halte Effizienz für wichtig. Vielleicht sogar für wichtiger als viele andere. Allerdings entsteht die größte Effizienz nicht dadurch, Arbeit schneller zu erledigen. Sie entsteht dadurch, unnötige Arbeit gar nicht erst entstehen zu lassen.

Viele Selbstständige und junge Unternehmen unterschätzen, wie viel Zeit durch vermeidbare Reibung verloren geht. Rückfragen, Abstimmungen, Informationssuche, doppelte Arbeit und ständige Unterbrechungen wirken einzeln betrachtet oft harmlos. In Summe binden sie jedoch enorme Mengen an Aufmerksamkeit.

Dabei ist Aufmerksamkeit häufig die eigentliche Engpass-Ressource. Nicht Zeit.


Wer sein gesamtes Unternehmen im Kopf verwaltet, hat zwar das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Tatsächlich verwaltet er oft nur fehlende Klarheit. Jede offene Aufgabe, jede Information und jede Entscheidung, die ausschließlich im Kopf gespeichert wird, erzeugt mentale Belastung. Das Problem ist deshalb nicht nur der Zeitverlust, sondern auch die permanente kognitive Last.


Produktivität und Effizienz werden oft verwechselt


Aber was bedeutet jetzt Produktivität eigentlich? Um das zu klären, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Definition:


Produktivität beschreibt vereinfacht das Verhältnis zwischen Ergebnis und eingesetzten Ressourcen. Sie steigt, wenn mit denselben Ressourcen mehr Ergebnis erzielt wird oder wenn dasselbe Ergebnis mit weniger Ressourcen erreicht wird.


Effizienz geht noch einen Schritt weiter. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Verschwendung reduziert werden kann und wie Ressourcen möglichst sinnvoll eingesetzt werden.


Eigentlich widerspreche ich dieser Definition gar nicht.

Im Gegenteil: Wenn weniger Rückfragen entstehen, weniger Informationen gesucht werden müssen, weniger Abstimmungen notwendig sind und weniger Arbeit doppelt erledigt wird, steigt die Produktivität sogar nach klassischer betriebswirtschaftlicher Definition.


Der Unterschied liegt woanders. Viele Produktivitätsansätze versuchen, mehr Output aus denselben Ressourcen herauszuholen. Mich interessiert vor allem die andere Seite der Gleichung: Wie können wir Reibung entfernen? Wie können wir verhindern, dass unnötige Arbeit überhaupt entsteht?


Eine andere Definition von Produktivität


Vielleicht liegt das eigentliche Missverständnis nicht in der Definition von Produktivität, sondern darin, worauf sie heutzutage häufig reduziert wird.


Für viele bedeutet Produktivität, mehr zu schaffen. Mehr Aufgaben, mehr Projekte, mehr Ergebnisse.

Ich betrachte Produktivität anders.

Für mich beginnt Produktivität nicht bei der Frage, wie wir Arbeit schneller erledigen können. Sie beginnt bei der Frage, welche Arbeit überhaupt notwendig ist. Denn doppelte Arbeit ist ineffizient. Ständige Rückfragen sind ineffizient. Informationssuche ist ineffizient. Unklare Verantwortlichkeiten sind ineffizient. Operatives Chaos ist ineffizient.

Deshalb finde ich, bevor man Arbeit selbst optimiert, sollte man hinterfragen, warum sie überhaupt existiert.

Denn die größte Effizienz entsteht nicht dadurch, Arbeit schneller zu erledigen. Sie entsteht dadurch, unnötige Arbeit gar nicht erst entstehen zu lassen.


Warum ich nichts von allgemeinen Produktivitätstipps halte


Ein weiterer Grund, warum ich viele Produktivitätsansätze kritisch sehe ist, weil sie oft einen wichtigen Punkt außer Acht lassen – den „Faktor Mensch“!


Die perfekte Morgenroutine, das ideale Zeitmanagement-System oder die „6 Tipps, wie du produktiver wirst“.

Natürlich können solche Ansätze hilfreich sein. Problematisch wird es, wenn sie als universelle Lösung betrachtet werden.

Menschen arbeiten unterschiedlich. Sie denken unterschiedlich, treffen Entscheidungen unterschiedlich und gehen unterschiedlich mit Informationen, Aufgaben und Prioritäten um. Was für die eine Person hervorragend funktioniert, kann für die nächste unnötig kompliziert oder sogar hinderlich sein.


Deshalb halte ich eine andere Frage für deutlich wichtiger als die Suche nach der nächsten Methode:

Wie arbeitest du eigentlich?


Erstaunlich viele Menschen übernehmen Systeme, Routinen und Werkzeuge von anderen, ohne ihre eigene Arbeitsweise wirklich zu kennen. Sie versuchen, sich an ein System anzupassen, statt zu verstehen, wie sie selbst denken, Entscheidungen treffen und mit Informationen umgehen.

Aus meiner Erfahrung beginnt nachhaltige Produktivität nicht mit einer Methode. Sie beginnt mit Selbstverständnis.


Wer versteht, wie er arbeitet, kann bewusster mit seiner Zeit, Energie und Aufmerksamkeit umgehen. Erst dann ergibt es Sinn, über Methoden, Werkzeuge oder Systeme nachzudenken. Denn die beste Lösung ist selten die, die gerade populär ist. Sie ist die, die im eigenen Alltag tatsächlich funktioniert.

Deshalb interessieren mich weniger allgemeine Produktivitätstipps und deutlich mehr die Individualität eines jeden Menschen.


Vielleicht besteht die größte Produktivitätsfalle darin, ständig nach besseren Methoden zu suchen.

Denn bevor wir Arbeit optimieren, sollten wir verstehen, wie wir überhaupt arbeiten.



Genau dafür entwickle ich meine Produkte - keine generischen Templates oder 6-Schritte-Setups, sondern klare Anleitungen wie du lernst DICH und DEINE ARBEIT zu verstehen:


 

 
 
 

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