Wenn der Arbeitstag endet – aber die Arbeit nicht
- leonieleodolter
- 13. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Der Laptop ist zugeklappt. Die letzte E-Mail ist verschickt. Eigentlich ist Feierabend.
Und trotzdem fühlt es sich nicht danach an.
Während das Abendessen auf dem Tisch steht, taucht plötzlich der Gedanke an das Angebot auf, das morgen verschickt werden muss. Später, auf dem Sofa, fällt dir ein Kunde ein, dem du noch antworten wolltest. Kurz bevor du einschläfst, erinnerst du dich an eine Idee, die du auf keinen Fall vergessen möchtest.
Der Arbeitstag endet – die Arbeit bleibt. Sie liegt nicht mehr auf dem Schreibtisch, sondern begleitet dich nach Hause. Sie sitzt mit am Esstisch, kommt mit auf den Spaziergang und meldet sich genau dann wieder, wenn eigentlich Ruhe einkehren sollte.
Für viele Selbstständige ist dieses Gefühl längst zum Alltag geworden. Irgendwann entsteht daraus die Überzeugung: Ich kann einfach nicht abschalten.
Genau hier beginnt jedoch das eigentliche Missverständnis.
Wer glaubt, nicht abschalten zu können, sucht verständlicherweise nach einer Lösung für den Feierabend. Es werden Meditationen ausprobiert, Atemübungen gemacht oder Entspannungsmusik gehört. Manche entwickeln eine neue Abendroutine, weil sie hoffen, ihren Kopf endlich zur Ruhe zu bringen.
All diese Ansätze setzen voraus, dass das Abschalten selbst das Problem ist.
Was aber, wenn „Ich kann nicht abschalten“ gar nicht das Problem ist, sondern lediglich das Symptom?
Im Laufe eines Arbeitstages bleiben unzählige kleine Dinge offen.
Eine Entscheidung wird vertagt.
Eine Idee kurz festgehalten – oder eben gar nicht.
Eine Aufgabe soll später erledigt werden.
Ein Kunde wartet noch auf eine Antwort.
Für sich genommen wirken diese Gedanken harmlos. Zusammen beschäftigen sie den Kopf weit über den Feierabend hinaus.
Unser Gehirn ist erstaunlich gut darin, offene Dinge präsent zu halten. Es erinnert uns an alles, was noch Aufmerksamkeit braucht, weil es verhindern möchte, dass etwas verloren geht. Genau deshalb tauchen diese Gedanken oft erst dann auf, wenn endlich Ruhe einkehrt. Der Kopf kennt keinen Feierabend. Er kennt nur offene und geschlossene Schleifen.
Deshalb greifen viele Lösungen zu kurz. Sie helfen dabei, den Kopf zu beruhigen, verändern aber nicht den Grund, weshalb er überhaupt weiterarbeitet. Solange Aufgaben, Entscheidungen und Ideen keinen verlässlichen Platz haben, wird dein Gehirn immer wieder darauf zurückkommen.
Abschalten beginnt deshalb viel früher als am Abend. Es beginnt mit einem Arbeitstag, der einen klaren Abschluss findet. In dem Moment, in dem dein Kopf weiß, dass nichts verloren geht, verändert sich etwas. Offene Aufgaben sind festgehalten. Entscheidungen müssen nicht mehr im Gedächtnis bleiben. Der nächste Tag beginnt nicht mit der Frage, was gestern liegen geblieben ist.
Viele Selbstständige glauben, sie müssten disziplinierter werden, um ihren Feierabend genießen zu können. Tatsächlich schleppen sie oft einfach zu viel mit sich herum. Ihr Business erzeugt jeden Tag neue Gedanken, die im Kopf landen, obwohl sie dort gar nicht hingehören. Der Kopf wird zum Notizzettel, zur Aufgabenliste und zum Erinnerungssystem – obwohl er eigentlich dafür gemacht ist, Ideen zu entwickeln, Zusammenhänge zu erkennen und gute Entscheidungen zu treffen.
Genau deshalb endet mein Arbeitstag nicht mit dem Zuklappen des Laptops. Bevor ich Feierabend mache, nehme ich mir ein paar Minuten Zeit. Ich schreibe offene Aufgaben auf, lege die wichtigsten Prioritäten für morgen fest und gebe allen Gedanken einen festen Platz. Erst dann fühlt sich der Arbeitstag wirklich abgeschlossen an.
Aus diesem Ablauf ist auch meine kostenlose Abendroutine entstanden. Sie hilft dir dabei, den Tag bewusst zu beenden, offene Gedanken aus dem Kopf zu holen und den nächsten Arbeitstag vorzubereiten. Denn wenn dein Kopf sicher sein kann, dass nichts verloren geht, muss er dich am Abend auch nicht mehr ständig daran erinnern.
Die beste Arbeit ist schließlich oft die, die gar nicht erst bis in den Feierabend mitgenommen wird.



Kommentare