Wir haben vergessen, gute Arbeit von viel Arbeit zu unterscheiden.
- leonieleodolter
- 9. Juli
- 3 Min. Lesezeit

Es gibt einen Satz, der mich jedes Mal innehalten lässt.
„Ich war heute den ganzen Tag beschäftigt.“
Fast immer wird er mit einem gewissen Stolz ausgesprochen. Als wäre Beschäftigung ein Beweis dafür, dass der Tag sinnvoll war. Als müsste ein voller Kalender automatisch bedeuten, dass etwas Wichtiges entstanden ist.
Ich frage mich oft, wann wir angefangen haben, das zu glauben.
Wann wurde ein Kalender ohne freie Lücken zum Symbol für Erfolg?
Wann wurden acht Stunden Meetings zum Zeichen von Verantwortung?
Wann wurde ein Posteingang mit 537 ungelesenen E-Mails zum Beweis dafür, wie gefragt jemand ist?
Wann haben wir beschlossen, dass Menschen dann besonders erfolgreich sind, wenn sie kaum noch Zeit zum Arbeiten haben?
Wir leben in einer Arbeitswelt, die uns jeden Tag dieselbe Geschichte erzählt.
Arbeite schneller.
Arbeite mehr.
Sei produktiver.
Optimiere dich.
Steh früher auf.
Plane deinen Tag besser.
Nutze das nächste Tool.
Für nahezu jedes Problem gibt es heute eine Methode, eine App oder ein neues System, das verspricht, noch mehr aus einem Tag herauszuholen.
Aber kaum jemand stellt noch die einfachste aller Fragen.
Warum gibt es diese Arbeit überhaupt?
Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem.
Wir haben Produktivität zum Ziel erklärt, obwohl sie nie das Ziel sein sollte.
Produktivität ist kein Wert an sich. Sie ist nur dann sinnvoll, wenn sie dazu beiträgt, Wert zu schaffen.
Doch stattdessen optimieren wir Aufgaben, die nie hätten entstehen dürfen.
Wir organisieren Meetings, um Probleme zu besprechen, die mit mehr Klarheit gar nicht erst entstanden wären.
Wir entwickeln bessere Prozesse, um Chaos zu verwalten, statt uns zu fragen, warum dieses Chaos überhaupt existiert.
Wir beantworten dieselben Fragen zum zehnten Mal und freuen uns, dass wir dafür inzwischen eine Textvorlage haben.
Wir suchen nach Möglichkeiten, schneller zu arbeiten, obwohl wir längst hätten aufhören müssen, genau diese Arbeit entstehen zu lassen.
Nicht alles, was Arbeit ist, verdient es, optimiert zu werden.
Das ist vielleicht der größte Irrtum unserer Zeit.
Wir haben Optimierung mit Beschleunigung verwechselt.
Für mich bedeutet Optimierung etwas völlig anderes.
Optimierung bedeutet nicht, in derselben Zeit doppelt so viele Aufgaben zu erledigen.
Optimierung bedeutet, dass diese Aufgaben morgen vielleicht gar nicht mehr existieren.
Die intelligenteste Form von Produktivität ist nicht Geschwindigkeit. Sie besteht darin, überflüssige Arbeit gar nicht erst entstehen zu lassen.
Deshalb glaube ich auch nicht, dass Selbstständige mehr Disziplin brauchen.
Ich glaube nicht, dass sie morgens um fünf Uhr aufstehen müssen.
Ich glaube nicht, dass noch eine weitere App ihren Alltag verändert.
Und ich glaube nicht, dass ein noch vollerer Kalender ein Zeichen für ein besseres Business ist.
Ich glaube vielmehr, dass wir seit Jahren an der falschen Stelle suchen.
Wir bewundern Menschen, die von Meeting zu Meeting hetzen.
Wir bewundern Menschen, deren Posteingang überquillt.
Wir bewundern Menschen, die sagen, sie hätten seit Wochen keine Mittagspause gemacht.
Wir bewundern Menschen, die ständig beschäftigt sind.
Vielleicht sollten wir anfangen, etwas anderes zu bewundern:
Menschen, die nicht ständig dieselben Probleme lösen müssen.
Unternehmen, in denen Informationen gefunden und nicht gesucht werden.
Teams, die Verantwortung nicht jeden Tag neu verhandeln müssen.
Selbstständige, die einen freien Nachmittag haben, weil ihr Business sich selbst trägt.
Denn genau das ist für mich echte Optimierung.
Nicht mehr schaffen.
Sondern weniger unnötige Arbeit erzeugen.
Arbeit ist etwas Wertvolles. Sie verdient unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit und unsere Energie. Gerade deshalb sollten wir sorgsam mit ihr umgehen. Jeder Tag, den wir mit Arbeit verbringen, die keinen echten Wert schafft, ist Zeit, die wir nie zurückbekommen.
Arbeit ist Lebenszeit.
Und Lebenszeit ist zu kostbar, um sie mit Aufgaben zu füllen, die nur deshalb existieren, weil niemand ihre Ursache hinterfragt.
Mich interessiert deshalb nicht, wie Menschen noch mehr schaffen können.
Mich interessiert, warum so viel Arbeit entsteht, die niemandem hilft.
Denn ich glaube, wir sollten aufhören, Menschen dafür zu bewundern, wie viel sie aushalten.
Wir sollten anfangen, Menschen dafür zu bewundern, wie viel Freiraum sie schaffen.
Vielleicht ist genau das die Form von Optimierung, die wir brauchen.
Nicht immer schneller.
Nicht immer mehr.
Sondern klüger.
Genau deshalb schreibe ich. Genau deshalb entwickle ich meine Produkte. Für eine andere Sicht auf Arbeit.



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