KI regelt schon. Oder doch nicht?
Aktualisiert: 2. Sept.

Ja … hier sind wir jetzt. Künstliche Intelligenz überall, wo man hinschaut. Millionenschwere Startups, die statt hundert Mitarbeitern mit einer Handvoll Menschen und KI-Agenten auskommen. Kleine Unternehmen, die die neuesten KI-Tools ausprobieren. Und jeder, wirklich JEDER, nutzt inzwischen – wissentlich oder unwissentlich – Gemini für irgendwelche Recherchen.
Ganz zu schweigen von ChatGPT, das gefühlt jedermanns neuer bester Freund geworden ist.
Ich finde „Chat G P T“ übrigens einen totalen Zungenbrecher, deswegen habe ich meinen Chat kurzerhand „Ayden“ getauft – ein bisschen angelehnt an Jarvis, den KI-Assistenten von Tony Stark.
Naja.
Bis hierhin hört es sich ein bisschen so an, als hätte ich etwas gegen KI.
Das stimmt überhaupt nicht. Ich bin großer Fan und war schon ziemlich früh mit im Boot Richtung KI-Automatisierung – unter anderem mit meinem eigenen Startup. Und genau deswegen, und wegen allem, was ich dort gesehen und erlebt habe, finde ich die Entwicklung inzwischen … ja, sagen wir … spannend.
Let me explain.
KI im Business: Was sie für unsere Produktivität wirklich verändern kann
Nein, das wird kein Artikel, der dir KI erklärt oder irgendwelche Insiderinformationen à la Verschwörungstheorie droppt.
Ich beschäftige mich mit Menschen, mit Arbeit, mit Aufgabenmanagement – und damit, was KI dabei leisten kann. Oder eben nicht.
Als KI der breiten Masse bekannt wurde, war das Thema für viele noch ziemlich abstrakt. Man testete ChatGPT aus, war fasziniert davon, dass innerhalb weniger Sekunden eine halbwegs vernünftige Antwort auf dem Bildschirm erschien, ließ sich vielleicht noch eine lustige Geschichte schreiben und das war es dann auch schon wieder.
Ziemlich rasant ging es danach weiter. Immer mehr Unternehmen brachten KI aus diesem experimentellen Stadium mitten in unseren Arbeitsalltag.
Und genau an diesem Punkt wird es für mich interessant – und ein bisschen schwierig.
Ich liebe alles, was uns Arbeit und Leben erleichtert. Gleichzeitig bin ich Pädagogin und deshalb ziemlich skeptisch, wenn wir neue Technologien einfach auf die Menschheit loslassen und davon ausgehen, dass schon alle irgendwie lernen werden, vernünftig damit umzugehen.
Ich meine: Wir haben noch nicht einmal unseren „normalen“ Internet- und Social-Media-Konsum so richtig im Griff und schon kommt die nächste große Entwicklung um die Ecke. Nur diesmal kann sie für uns schreiben, denken, sortieren, suchen, planen und zunehmend sogar handeln.
Und kaum jemand hat uns beigebracht, wie wir sinnvoll damit umgehen.
Das ist der Teil, der mir Sorgen macht … die Vorstellung, dass ein immer leistungsfähigeres Werkzeug automatisch zu besseren Ergebnissen führt.
Denn genau das tut es nicht.
Was KI ziemlich gut kann
Bevor das hier allerdings zu düster wird: KI ist verdammt praktisch.
Ich nutze täglich KI für mein Business. Und ich liebe es. Textentwürfe, Brainstorming, Ideensammlung, Hookvorschläge, Sparringpartner, Gedanken sortieren. Alles extrem hilfreich und zeitsparend – vor allem wenn man ein Solo-Business führt und daher keine Kollegen oder Mitarbeiter hat, mit denen man Themen ausdiskutieren oder Aufgaben weitergeben könnte.
Hier ein paar meiner Lieblingsanwendungen für KI: "Dafür ist KI wirklich ziemlich geil"
Bevor wir aber darüber reden, was KI alles kann, (die Antwort ist nämlich „so ziemlich alles“) möchte ich eine andere Frage stellen: „Was muss ich dadurch nicht mehr selbst machen?“
Sorry, weniger spannend als du dachtest?
… dann schieß ich gleich meine zweite Frage hinterher: „Warum mache ich diese Arbeit eigentlich?“
So faszinierend das auch ist, KI für Workflows und Prozessoptimierung einzusetzen – das Grundproblem bleibt nämlich einfach das gleiche …
Herzlichen Glückwunsch, du hast dein Chaos automatisiert
Nur weil sich etwas automatisieren lässt, bedeutet das nämlich noch lange nicht, dass wir es automatisieren sollten.
Nehmen wir irgendeinen Arbeitsablauf, der aus acht Schritten besteht. Wir setzen uns hin, bauen eine tolle Automation, hängen vielleicht noch KI dran und schaffen es, fünf dieser acht Schritte automatisch erledigen zu lassen.
Großartig. Wir haben Zeit gespart.
Wenn wir uns denselben Ablauf aber vorher einmal in Ruhe angesehen hätten, hätten wir vielleicht festgestellt, dass drei dieser acht Schritte überhaupt nicht notwendig sind.
Lass das mal sacken … Hol den Champagner erst wenn du das begriffen hast … und ich meine WIRKLICH begriffen …
Weil ja, man kann auch einen scheiß Prozess automatisieren und mit KI sogar ziemlich smart automatisieren. Dann hast du einen scheiß KI-automatisierten Prozess. Gratuliere. (Danke, an den Mann, von dem dieses Zitat stammt – ich weiß es leider nicht mehr)
Das Problem mit der KI ist also ganz einfach: Wir hören auf Dinge zu verstehen. Wir lassens die KI machen und nehmens einfach so hin. Wir wollen Dinge schneller und besser machen – hinterfragen sie aber nicht mehr.
Manchmal braucht dein Business keinen KI-Agenten
Gerade im Moment beobachte ich häufig, dass KI für Probleme eingesetzt wird, die eigentlich sehr viel unspektakulärere Lösungen hätten.
Informationen sind im ganzen Unternehmen verteilt? - Wir könnten einen KI-Assistenten bauen, der alles durchsucht.
… Oder wir könnten uns erst einmal fragen, warum zum Teufel niemand weiß, wo diese Informationen hingehören.
Niemand weiß genau, wie ein bestimmter Ablauf funktioniert? - KI-Agent!
… oder wir halten einfach mal schriftlich fest, wie diese Ablauf funktionieren soll.
Natürlich kann am Ende trotzdem KI die richtige Lösung sein. Das ist nicht der Punkt.
Der Punkt ist, dass wir inzwischen ein extrem mächtiges Werkzeug besitzen und dadurch Gefahr laufen, jedes Problem als Anwendungsfall für dieses Werkzeug zu betrachten.
Wenn ich einen Hammer in der Hand halte, sieht irgendwann eben alles ein bisschen aus wie ein Nagel.
KI kann schlechte Arbeitsweisen erstaunlich gut kaschieren. Ein chaotischer Ablauf fühlt sich plötzlich weniger chaotisch an, wenn eine Maschine einen Teil des Chaos für uns verwaltet. Das macht den Ablauf aber noch lange nicht gut.
Und dann wäre da noch unser kleines „Mehr“-Problem
Ich fasse mich hier kurz. Das Thema spreche ich so oft an und jedes Mal rede ich mich dabei in rage … und könnte darüber nebenbei einen Roman befüllen.
Das gleiche Produktivitäts- und Optimierungsthema in einem neuen Mantel …
KI spart uns Arbeit … und damit Zeit. Und was machen wir Menschen mit dieser wunderbaren neuen Freiheit?
Genau … wir stopfen sie voll mit noch mehr Arbeit. Großartig.
Ich kann nämlich jetzt 5 Texte in der Zeit erstellen, in der ich früher einen erstellt habe. Klasse, jetzt kann ich auch 5x mehr Pins in kürzerer Zeit machen – zwar alles Einheitsbrei, weil 7 andere Creator denselben Prompt in Chat GPT eingefügt haben (by the way, alle vom selben Workbook desselben Creators rauskopiert) – aber egal, ich war schneller.
Weniger Stress. Mehr Ruhe? Oder – Gott bewahre – einen freien Nachmittag? – Fehlanzeige.
KI ist ein Werkzeug. Und Werkzeuge muss man führen.
Vielleicht kommt hier meine Vergangenheit mit KI stärker durch, aber mit diesem ganzen „Die KI macht das dann schon“ kann ich relativ wenig anfangen. Aber eben genau deswegen – weil KI schon so viel kann.
Sie kann Texte schreiben, Informationen zusammenfassen oder Aufgaben erstellen - und das sind nur die Dinge, die der breiten Masse bekannt sind. Aber sie weiß nicht automatisch, was für mich wichtig ist, welches Ergebnis ich brauche oder ob die Aufgabe überhaupt sinnvoll ist.
Das muss weiterhin ich entscheiden.
Ich gebe Arbeit ab. Nicht Verantwortung.
Und genau darin liegt für mich die kleine Ironie der ganzen KI-Revolution: Je mehr Arbeit wir an KI abgeben wollen, desto besser müssen wir unsere eigene Arbeit verstehen.
Vielleicht ist KI deshalb gar nicht der Anfang
Ich habe selbst ein KI-Startup aufgebaut, nutze KI jeden Tag und mein ChatGPT hat sogar einen Namen. Trotzdem glaube ich nicht, dass die produktivsten Unternehmen der Zukunft diejenigen sein werden, die möglichst viel KI einsetzen. Sondern diejenigen, die wissen, wofür sie sie einsetzen.
Denn bevor ich eine Aufgabe automatisieren kann, muss ich sie erst einmal verstehen. Warum entsteht sie? Was soll dabei herauskommen? Und muss sie überhaupt gemacht werden? Wer sich diese Fragen stellt, merkt manchmal, dass es gar keine KI braucht. Vielleicht lässt sich die Arbeit vereinfachen, mit einem bestehenden System lösen oder komplett vermeiden.
Genau deshalb beginnt sinnvolle Automatisierung für mich nicht mit ChatGPT, einem KI-Agenten oder dem perfekten Prompt. Sie beginnt damit, die eigene Arbeit anzuschauen und zu verstehen. Erst dann kann ich entscheiden, was ich selbst mache, was ein System übernimmt und wo KI tatsächlich sinnvoll ist.
Vielleicht ist das mein größtes Problem mit dem aktuellen KI-Hype: Wir springen sehr schnell zur Lösung, bevor wir das Problem verstanden haben. Dabei beginnt genau dort für mich echte Produktivität – nicht möglichst viel Arbeit in möglichst wenig Zeit zu erledigen, sondern dafür zu sorgen, dass weniger Arbeit erledigt werden muss.
Denn auch im KI-Zeitalter gilt: Die beste Arbeit ist die, die gar nicht erst entsteht.
Wenn du gerade überlegst, KI oder andere Automatisierungen in dein Unternehmen zu integrieren: Gratuliere - super Idee!
Tu dir aber selber einen Gefallen und machs von Anfang an Richtig - schau dir erstmal deine Arbeit an.



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